Was geschieht, wenn journalistische Arbeit die eigene Freiheit, Sicherheit, Familie und Zukunft gefährdet? Auf dem Global Media Forum 2026 berichteten vier von der Hannah-Arendt-Initiative unterstützte Journalistinnen aus erster Hand über Zensur, Bedrohung, Vertreibung und Überleben. Sie kommen aus der Ukraine, aus Nicaragua, dem Iran und Russland. Ihre Geschichten zeigen: In einer Welt, in der die Bedingungen für unabhängigen Journalismus zunehmend feindseliger werden, sind Widerstandskraft und die Fähigkeit zur ständigen Neuerfindung längst so unverzichtbar geworden wie journalistische Sorgfalt selbst.
Von Emmanuel Dulac Houssou und Lena Gamper
Inna Varenytsia | Ukraine
Als Frau und Journalistin an der Front
Inna Varenytsia beginnt ihren Vortrag mit einem Song: People Are Strange von The Doors, 1967 – ein Lied über Entfremdung und Orientierungslosigkeit.

Es war die einzige Kassette, die im alten Auto funktionierte, mit dem sie regelmäßig an die Front fuhr. Irgendwann konnte sie es kaum noch hören, zu oft hatte es sie auf diesen Weg begleitet.
Seit dem ersten Tag der großangelegten russischen Invasion 2022 arbeitet Varenytsia als Kriegsreporterin. Luftalarme bestimmen ihren Tagesrhythmus, der Tod ist allgegenwärtig. Auch das Zuhause, das ihr einst Halt gab, existiert für sie nicht mehr: Das Elternhaus liegt heute in besetztem Gebiet, ein Besuch ist unmöglich.
Es fühlt sich an, als wäre ich im eigenen Land ins Exil geschickt worden“, sagt sie und beschreibt den Schmerz, nicht mehr frei mit ihrer Familie sprechen zu können.
Hinzu kommen die Herausforderungen, die ihr als Frau an der Front begegnen. „Auch wenn ich mich nicht immer so fühle, muss ich Selbstbewusstsein ausstrahlen, wenn ich mit Offizieren spreche“, sagt sie. „Sonst werde ich nicht respektiert, nicht ernst genommen oder gar nicht erst durchgelassen. In solchen Momenten ersetzt mein Auftrag die Angst.“
Die Arbeit gibt ihr Halt. Gemeinsam mit einem kolumbianisch-ukrainischen Team wurde sie für den Gabo-Preis 2026 nominiert – für die Dokumentation Behind the War (Detrás de la guerra), die Menschen porträtiert, die die Ukraine verteidigen, darunter auch Kolumbianer, die sich dem Kampf angeschlossen haben. Der Gabo-Preis gilt als eine der renommiertesten Auszeichnungen für Journalismus in Lateinamerika.
Für Varenytsia ist die Berichterstattung über den Krieg ein Weg, zu verhindern, dass er zur abstrakten Nachricht wird. Unterstützung erhielt sie unter anderem vom European Centre for Press and Media Freedom (ECPMF), einem Partner der Hannah-Arendt-Initiative, der ukrainische Journalistinnen und Journalisten gezielt fördert – etwa durch praktische Hilfen wie Versicherungen, die viele Frontreporterinnen und -reporter sonst nicht hätten.
Lucía Navas | Nicaragua, im Exil in Costa Rica
Wenn der Staat entscheidet, dass es dich nicht mehr gibt
Lucía Navas beginnt mit einer einfachen Geste: „Holen Sie Ihren Personalausweis heraus. Schauen Sie ihn an. Er bestätigt, dass Sie existieren.“ Dann fügt sie hinzu: „Ich kann Ihnen meinen nicht zeigen. Die Diktatur hat meinen Namen aus dem Personenregister gelöscht. Offiziell existiere ich nicht mehr.“
Mehr als fünfzehn Jahre arbeitete Lucía als Investigativjournalistin, bevor das Ortega-Murillo-Regime ihr die Staatsbürgerschaft entzog. Ihr Pass wurde eingezogen, ihr Name gelöscht, ihre rechtliche Existenz ausgelöscht. Nur eines konnte ihr niemand nehmen: den Beruf. „Sie haben mir meine Dokumente genommen, aber nicht meine Geschichte“, sagt sie. „Ich bin weiterhin Nicaraguanerin. Und ich bin weiterhin Journalistin.“
Aus dem Exil heraus recherchiert sie zu einem Überwachungssystem, das jedes Zuhause zu einem Vorposten staatlicher Kontrolle macht. Mit der Unterstützung der DW Akademie veröffentlicht sie ihre Recherche Vigilancia y represión casa por casa (dt.: Überwachung und Repression von Haustür zu Haustür) und zeigt, wie Staatsbedienstete, Gesundheitspersonal oder Volkszähler zu Instrumenten politischer Überwachung werden. Sogenannte „Gemeindebesuche“ dienen dazu, Menschen auszufragen, zu überwachen und einzuschüchtern: Familien werden zu Einkommen, täglichen Bewegungen, Gästen und Reisen befragt. Telefone klingeln mit Nachrichten wie: „Wir waren bei Ihnen zu Hause, aber Sie waren nicht da. Wo halten Sie sich auf?“
Diese Überwachung kann zur juristischen Waffe werden, erklärt Navas: Wer als „Vaterlandsverräter“ gebrandmarkt wird, dem drohen bis zu 30 Jahre Haft, die Beschlagnahmung von Eigentum, die Aberkennung der Staatsangehörigkeit – wie in ihrem eigenen Fall – oder Schlimmeres.
Selbst im Exil ist Lucía nicht sicher. Ein Bericht der UN-Expertengruppe für Menschenrechte in Nicaragua (GHREN) aus dem Jahr 2025 dokumentiert, dass nicaraguanische Exilierte systematisch auch außerhalb der Landesgrenzen verfolgt werden – ein Muster „transnationaler Menschenrechtsverletzungen“, das Überwachung, Schikanen und körperliche Gewalt im Ausland umfasst. Dies deckt sich mit unabhängigen Beobachtungen von Exilorganisationen, die seit der Gewalteskalation von 2018 mindestens ein Dutzend Tötungen und versuchte Tötungen an exilierten nicaraguanischen Dissidentinnen und Oppositionellen registriert haben – ein Beleg dafür, dass Exil längst keine Sicherheitsgarantie mehr bedeutet.
In diesem Kontext war die Unterstützung der Hannah-Arendt-Initiative von entscheidender Bedeutung für Lucía. Insbesondere der von der DW Akademie geschaffene sichere Arbeits- und Begegnungsraum bietet ihr nicht nur Schutz und Stabilität, sondern auch die Möglichkeit, sich mit anderen Journalistinnen und Journalisten im Exil auszutauschen und zu vernetzen.
Azhin (Fahmideh) Hosseini | Iran
Für die Wahrheit zur Zielscheibe geworden – dem Tod nur knapp entronnen

„Mein offizieller Name ist Fahmideh. Aber ich bitte Sie, mich Azhin zu nennen. Das ist mein kurdischer Name.“ Mit diesen Worten bringt Azhin Hosseini den Saal zum Schweigen.
Viele kurdische Familien geben ihren Kindern kurdische Namen, erklärt sie, doch das iranische Regime erkennt diese oft nicht an, weshalb zusätzlich ein offizieller Name geführt werden muss.
Azhin arbeitete als Reporterin für „Kurdchannel“, ein kurdisches Medienunternehmen in Iran. Sie berichtet über ihre Arbeit rund um den Fall Jina Amini, international bekannt als Mahsa Amini: Die 22-jährige Iranerin starb 2022 nach ihrer Festnahme durch die Sittenpolizei und löste eine landesweite Protestbewegung aus. Hosseini dokumentierte die Proteste, erzählte persönliche Geschichten und deckte Menschenrechtsverletzungen auf – und wurde damit selbst zur Zielscheibe des Regimes.
Noch heute erinnert sie sich an den Moment, als ihr Arbeitsplatz von Drohnen angegriffen wurde. Sie tippte gerade:
Heute ist der zehnte Tag der Proteste. Zwanzig Menschen wurden in kurdischen Städten getötet. Hunderte weitere wurden festgenommen oder verletzt. Mindestens 52 Frauen sitzen in Haft.
In diesem Moment wurde die Redaktion des Senders Kurdchannel in der kurdischen Region Irans Ziel eines Raketen- und Drohnenangriffs der Islamischen Republik Iran. Über lange Schreckensminuten wusste sie zunächst nicht, ob ihr Mann, der in einem anderen Raum arbeitete, den Angriff auf den Sender überlebt hatte. Eine enge Freundin und Kollegin verlor sie an diesem Tag: eine schwangere Frau, deren Baby nur 24 Stunden überlebte. Danach folgten Morddrohungen, Fotos von ihr und ihrem Mann wurden veröffentlicht. Das Paar floh in die Türkei. Der Weg zum vermeintlich sicheren Zufluchtsort endete jedoch in einem türkischen Abschiebegefängnis, von dem sie berichten, unmenschlich behandelt worden zu sein.
Hosseini erzählt, wie sie von türkischen Behörden unter Druck gesetzt wurde, Abschiebungspapiere in den Iran zu unterschreiben, nur um ihren Mann sehen zu dürfen. Sie schildert ihre Verlegung in einen Hochsicherheitstrakt und den Moment, als sie von neun bewaffneten Polizeibeamten zum deutschen Konsulat eskortiert wurde. Dank der Unterstützung von Media in Cooperation and Transition (MiCT) und der Hannah-Arendt-Initiative erhielt sie schließlich ein humanitäres Visum für Deutschland. „Ohne diese Unterstützung wären wir nur zwei weitere Namen auf einer Hinrichtungsliste gewesen“, sagt sie.
Eine Mitgefangene, die sie im Abschiebezentrum zurücklassen musste, gab ihr mit auf den Weg: „Sei unsere Stimme dort draußen.“ Heute ist Azhin Hosseini genau das.
Anonym | Russland, im Exil
Unabhängiger Journalismus als Raum der Freiheit
Wegen der Repressionen gegen unabhängige Medien, die der offiziellen Kriegsdarstellung nicht folgen, musste sie ins Exil gehen. Das von ihr geleitete Medium stand vor der Frage, wie es sich neu positionieren sollte. Statt auf tagesaktuelle Kriegsberichterstattung umzuschwenken, entschieden sie, ihrer Stärke treu zu bleiben: tiefgehende Recherchen kombiniert mit erzählerischem Journalismus.
Auch ohne den Krieg in den Mittelpunkt ihrer Agenda zu stellen, trägt die Redaktion so zur kritischen Berichterstattung aus dem Exil bei. Ihre Arbeit untersucht die Wurzeln von Gewalt in der russischen Gesellschaft: Bildungssystem, Gehorsam, normalisierte Autorität, Selbstzensur. Viele Russinnen und Russen lehnen den Krieg ab, können dies aber nicht offen äußern – ihnen drohen Haft, körperliche Gewalt oder Entführung. Auch unsere Rednerin ist weiterhin gefährdet und hat deshalb darum gebeten, ihren Namen und ihre Identität nicht preiszugeben.
Diejenigen, die nicht protestieren können, hören uns im Verborgenen zu. Unsere Geschichten werden zu ihrer Stimme.
Das Medium ist so zu einem symbolischen Zufluchtsort für ein über Grenzen verstreutes und oft zum Schweigen gebrachtes Publikum geworden.
Unterstützt wird die Redaktion vom JX Fund – European Fund for Journalism in Exile, der unabhängige Medien im Exil finanziell fördert, mit dem Ziel, journalistische Arbeit fortzuführen und Strukturen neu aufzubauen.
Was uns diese Geschichten über Pressefreiheit und Journalismus unter Druck sagen
Die persönlichen Berichte der Journalistinnen zeigen: Journalismus in autoritären Staaten und Kriegsgebieten ist längst nicht mehr nur durch das Berichten selbst geprägt. Es geht ebenso um Überleben, Anpassung und Neuanfang.
Jede der vier Teilnehmerinnen beleuchtete einen anderen Aspekt dessen, was es heute bedeutet, die Öffentlichkeit mit gut recherchierten Informationen zu versorgen – in einer Welt, in der Repression nationale Grenzen überschreitet und Redaktionen zu Angriffszielen werden. Oft wird dieser strukturelle Druck zur existenziellen Erfahrung: Journalistinnen passieren mit gespielter Selbstsicherheit Militärkontrollen, bauen sich nach der Flucht ins Exil ein neues Leben auf, überleben Angriffe auf ihre Redaktionen oder dokumentieren über Jahre einen Krieg. Ihre Geschichten zeigen, wie verletzlich und zugleich unverzichtbar unabhängiger Journalismus heute ist.
Journalismus braucht heute neue Formen von Schutz und Solidarität. Und auch neue Arbeitsweisen in den Schutzprogrammen, die Traumata, vielseitige Unsicherheiten und transnationale Bedrohungen aufgreifen. Hinter den vier Frauen steht dieselbe Entschlossenheit: guten Journalismus zu machen, auch wenn Krieg, Überwachung und Exil die Bedingungen dafür grundlegend verändern.
Diese Geschichten erinnern daran, dass der Schutz des Journalismus im Jahr 2026 vor allem eines bedeutet: die Menschen zu schützen, die ihn tragen – ihre Sicherheit, ihre Würde und ihre Möglichkeit, weiterhin die Wahrheit zu erzählen.
Die Hannah-Arendt-Initiative setzt sich weiterhin dafür ein, Journalistinnen und Journalisten sowie ihre Familien zu schützen. Gemeinsam mit ihren vier Partnerorganisationen – dem European Centre for Press and Media Freedom (ECPMF), dem JX Fund, MiCT – Media in Cooperation and Transition und der DW Akademie – stellt sie Schutz, Ressourcen und Solidarität für diejenigen bereit, die sich nicht zum Schweigen bringen lassen. Ihre Arbeit sorgt dafür, dass Journalismus selbst unter schwierigsten Bedingungen fortbestehen kann – ebenso wie die Stimmen der Menschen, die ihn möglich machen.


